Die Jüdische Gemeinde in Lackenbach

Wie bereits erwähnt war Lackenbach vor 1546 ein kleines, eher unbedeutendes Dorf der großen Herrschaft Landsee, deren wirtschaftlicher Mittelpunkt Neckenmarkt gewesen war. Erst als zwischen 1548 und 1552 in Lackenbach ein Kastell mit Bierbrauerei und Meierhof errichtet wurde, entstand hier die Möglichkeit zur Ansiedlung von Juden. Die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Lackenbach stammt aus dem Jahr 1552. Zwischen 1575 und 1588 wanderten viele Neckenmarkter Juden nach Lackenbach ab. Von der von Kaiser Leopold I. befohlenen Ausweisung der Juden aus Ungarn und Österreich im Jahr 1671 waren auch die Lackenbacher Juden betroffen. Aber schon bald durften sich die Juden wieder in Lackenbach ansiedeln. Seit dem 18. Jahrhundert gehörte Lackenbach zu den Fürstlich Esterházyschen „Sieben-Gemeinden“.

1735 lebten 449 Juden in Lackenbach. 1869 gehörten 62% der Lackenbacher Bevölkerung, das waren 779 Personen, der jüdischen Gemeinde an. Die Zahl der jüdischen Einwohner blieb im Gegensatz zu anderen Gemeinden hoch: 1890 waren 677 Juden in Lackenbach, und im Jahr 1934 noch 346 Juden.

Über die Vertreibung der Lackenbacher Juden ist kaum etwas bekannt. In der Literatur wird immer wieder auf folgende Begebenheit hingewiesen: Einige Wochen nach dem so genannten 'Anschluss' im März 1938 wurden die meisten Lackenbacher Juden in der Nacht auf offene Lastwägen verladen, um sie nach Wien zu bringen. Als man bei einigen, bei einer Durchsuchung vor der Abfahrt, trotz vorhergehender Warnung Schmückstücke fand, von denen sie sich nicht getrennt hatten, mussten sie die ganze Habe und auch ihr Handgepäck zurücklassen. Rückgekehrt ist nach 1945 niemand mehr.

Jüdischer Friedhof in Lackenbach - Informationen finden Sie hier.

Das Jüdische Leben

Zu den religiösen Einrichtungen der jüdischen Gemeinde Lackenbach gehörten neben der Synagoge ein rituelles Bad (Mikwa) und der Friedhof. Die jüdische Kultusgemeinde verfügte auch über eine konfessionelle israelitische Volksschule. In Lackenbach gab es ein sehr reges jüdisches Vereinsleben: die Beerdigungsbruderschaft 'Chevra Kadischa' und den Verein 'Zedokoh', dessen Aufgabe in der Verwaltung der Synagoge, der Bestellung der Funktionäre sowie der Sorge für durchreisende Fremde bestand. Ein Verein stellte den Bedürftigen ärztliche Versorgung und Medikamente zur Verfügung, ein humanitärer Frauenverein kümmerte sich um arme Wöchnerinnen, Kranke und sonstige Hilfsbedürftige. Erwähnt werden außerdem ein 'Wohltätigkeits-Jugendverein' und ein 'Holzverteilungsverein'. Für das Jahr 1937 scheint nur noch ein Leichen-, Kranken- und Sterbeverein auf. Die jüdische Gemeinde von Lackenbach brachte eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten hervor. Ruwen Hirschler erkannte das Talent des jungen Franz Liszt, bezahlte dessen Klavierunterricht und leitete damit Liszts Karriere in die Wege. Der Sozialdemokrat Julius Deutsch, 1884 in Lackenbach geboren, war von 1918 bis 1920 Staatssekretär des Staatsamtes für Heerwesen. Er beteiligte sich als Schutzbundführer an den Februarkämpfen 1934, gründete anschließend in der Tschechoslowakei gemeinsam mit Otto Bauer das 'Auslandsbureau österreichischer Sozialisten' und kämpfte ab 1936 an der Seite der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg. 1940 emigrierte er in die USA, von wo er 1946 nach Österreich zurückkehrte.

"Chassene" - Die jüdische Hochzeit

"... Mittags servierte man heute nur eine Kleinigkeit - Tante Theres und Onkel Bennö fasteten überhaupt bis nach der Trauung. Das Ledergeschäft blieb heute geschlossen. Nach dem Essen ruhte man noch ein wenig, dann wusch man sich und zog sich fein an. Großpapa trug einen glänzenden Zylinder, die Damen erschienen in Hüten und mit ihrem schönsten Schmuck. ... Schon frühmorgens hatte eine Friseuse Tante Theres fast kahl geschoren und ihr den neuen, schön frisierten Scheitel aufgesetzt. Ich fand, sie sah darin besser aus als mit ihrem eigenen Haar. Als sie dann noch im weißen Brautkleid erschien, ähnelte sie einer Fee in einem Märchen - irgendwie wirkte sie auch schlanker als sonst.

Am Nachmittag ging es in einer Prozession zur Schul. Nur Onkel Bennö fehlte. Papa belehrte mich, dass der Bräutigam erst bei der Trauung erscheint. Nach dem Nachmittagsgebet versammelte man sich im Schulhof - Männer auf einer Seite, Frauen auf der anderen. Vier junge Burschen hielten die Stangen der Chüppe - ein Baldachin aus dunkelblauem Samt -, Kantor Taube stellte sich darunter, zu ihm gesellten sich alsbald der greise Rabbiner, Großpapa und der Vater des Bräutigams. Zwei Männer geleiteten nun den mit dem weißen Kittel – dem jüdischen Sterbekleid - bekleideten Onkel Bennö unter die Chüppe. Dann erschienen Großmama und Onkel Bennös Mutter mit der verhüllten Braut, umkreisten mit ihr siebenmal den Bräutigam, bevor sie diese dann an seine Seite stellten. Das Publikum sang mittlerweile frohe Melodien. Kantor Taube erhob jetzt die Hand - der Gesang verstummte, die Zeremonie konnte beginnen. Mittlerweile hatte es zu dämmern begonnen. Man entzündete Kerzen, hielt sie in die Höhe, um die Vorgänge unter der Chüppe zu beleuchten. Zuerst verlas der Rabbiner laut den Heiratskontrakt - die 'Ksübbe'. Dann erhob Kantor Taube seinen mit Wein gefüllten Becher und stimmte den Segensspruch an. Der Bräutigam trank vom Wein, Großmama hob den Schleier der Braut ein wenig und gab auch ihr zu trinken. Jetzt legte man ein in ein Tuch gewickeltes Trinkglas auf den Boden, Onkel Bennö sagte einen Segensspruch und trat darauf, bis es mit einemlauten Knall zerbrach. Die Menge rief begeistert: 'Masel tow, Masel tow!' ..."

Quelle: Glück Israel A., Kindheit in Lackenbach. Jüdische Geschichte im Burgenland, Konstanz 1998.

Die Synagoge

"... Vom breiten Eingang führten ein paar Stiegen hinunter in einen großen Vorraum. Von diesem ging links eine Treppe hinauf in die Frauenabteilung, rechts betrat man durch ein Portal die Männerschul. Der Geruch ausgebrannter Wachskerzen vom Vorabend erfüllte noch die Luft. Der riesige Saal mit der gewölbten Decke, die Fenster aus buntem Glas, der kunstvoll geschnitzte heilige Schrein mit den Thorarollen, darüber die beiden Steintafeln mit den zehn Geboten, all dies erfüllte mich mit tiefer Ehrfurcht. Ich saß neben Großpapa, lauschte andächtig dem Gesang des Kantors und dem lauten Beten der Gemeinde. Mein Blick konnte sich nicht satt sehen an den Wandmalereien mit dem Auszug aus Ägypten sowie anderen biblischen Szenen. Von der Decke hingen an dicken Ketten schwere Kupferleuchter. Alles war so feierlich, so außerirdisch. So ungefähr muss es im Himmel aussehen - stellte ich mir vor. ..."

Quelle: Glück Israel A., Kindheit in Lackenbach. Jüdische Geschichte im Burgenland, Konstanz 1998.